Ärzteverbände attackieren Bundesregierung wegen marodem Gesundheitssystem und Reformstau
Cathleen HövelÄrzteverbände attackieren Bundesregierung wegen marodem Gesundheitssystem und Reformstau
Deutschlands Gesundheitssystem steht wegen Finanzierungsprioritäten und blockierter Reformen in der scharfen Kritik von Medizinverbänden. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) wirft der Bundesregierung vor, notwendige Entscheidungen zu verschleppen, während die ambulante Versorgung chronisch unterfinanziert bleibe. Führende Vertreter fordern nun dringend Verbesserungen bei der digitalen Infrastruktur, den Notfallversorgungsregeln und den Apothekengebühren.
KBV-Chef Dr. Andreas Gassen kritisierte scharf Pläne, hohe Summen in die stationäre Versorgung zu stecken, ohne klare Ziele vorzugeben. Zudem bemängelte er die Apothekenreform, die Apotheken durch zusätzliche Festbeträge für Verpackungen eine Milliarde Euro extra einbringe. Dr. Sibylle Steiner forderte unterdessen Nachbesserungen am Apothekenversorgungs-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) und bezeichnete die aktuellen Finanzierungsungleichgewichte als „nicht mehr tragbar“.
Haus- und psychotherapeutische Praxen behandeln derzeit 97 Prozent aller Fälle, erhalten aber nur 16 Prozent der Gesundheitsausgaben. Steiner wies zudem auf anhaltende Defizite bei der Digitalisierung hin: Tägliche Ausfälle der Telematikinfrastruktur (TI) und zersplitterte Datenströme erschwerten die Arbeit. Der anstehende Digital-Gesetzentwurf müsse endlich eine stabile TI, bessere Praxisoftware und ein Ende der Ungleichbehandlung bringen.
Auch die geplante Notfallversorgungsreform stößt auf Widerstand. Dr. Stephan Hofmeister kritisierte, dass der Entwurf 24/7-Telemedizin und Hausbesuche selbst während der regulären Sprechzeiten vorschreibe. Steiner ergänzte, die Umstrukturierung der ärztlichen Rufnummer 116117 müsse als öffentlicher Auftrag finanziert werden. Die KBV warnte: Ohne mutigere Schritte blieben 45 Milliarden Euro für nicht versicherungspflichtige Leistungen von Sparmaßnahmen unberührt.
Die Forderungen der KBV zielen auf gerechtere Finanzierung, zuverlässige digitale Systeme und klarere Notfallregeln. Ohne diese Änderungen werde die ambulante Versorgung weiter überproportional belastet. Die Bundesregierung gerät zunehmend unter Druck, die langjährigen Ineffizienzen im Gesundheitssystem endlich anzugehen.






