Deutschlands riskante Arzneimittel-Abhängigkeit: Warum die Pharmabranche warnt
Sigmund FreudenbergerDeutschlands riskante Arzneimittel-Abhängigkeit: Warum die Pharmabranche warnt
Deutschlands Abhängigkeit von ausländischen Arzneimittelherstellern steht in der Kritik
Auf einer kürzlichen Konferenz des Handelsblatts geriet Deutschlands starke Abhängigkeit von ausländischen Pharmaproduzenten in den Fokus. Branchenvertreter und Krankenkassen diskutierten, wie die Arzneimittel-Lieferketten in Europa gestärkt werden können. Im Mittelpunkt standen die übermäßige Abhängigkeit von China, Strategien für Notvorräte sowie die Notwendigkeit einer größeren Eigenversorgung bei lebenswichtigen Medikamenten.
Seit 2020 hat sich Deutschlands Abhängigkeit von chinesischen Herstellern bei Antibiotika und Generika weiter verstärkt. Rund ein Drittel der patentfreien Wirkstoffe stammt mittlerweile von einzelnen globalen Lieferanten – viele davon mit Sitz in China. Diese Konzentration macht die Lieferketten anfällig für Störungen und erhöht den Druck auf politische Lösungen.
Dr. Kai Joachimsen, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI), warnte, dass die Verwundbarkeiten Europas unterschätzt würden. Investitionen in heimische Forschung und Produktion seien keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Thomas Weigold, Deutschland-Chef von Sandoz/Hexal, unterstützte diese Einschätzung und betonte, dass lebenswichtige Medikamente als Teil der nationalen Sicherheit betrachtet werden müssten. Ohne Gegenmaßnahmen könnten geopolitische Spannungen aus Abhängigkeiten strategische Risiken machen.
Kerem Inanc, Geschäftsführer von Alliance Healthcare Deutschland, bezeichnete die aktuellen Arzneimittel-Notvorräte von sechs Monaten als unzureichend. Statt auf willkürlich gesetzte Ziele zu vertrauen, forderte er die Politik auf, realistische Krisenszenarien zu definieren. Tim Steimle, Pharmachef der Techniker Krankenkasse, widersprach: Deutschland habe seine Vorratsziele bereits erreicht. Zudem hätten Rabattverträge zunehmend Liefervereinbarungen ersetzt – mit Ausnahme von Kinderarzneimitteln.
Weigold kritisierte, dass die Branche bei Generika zu sehr auf Kostensenkung statt auf Resilienz setze. Ständige, teure neue Regularien verschärften den Druck zusätzlich. Inanc ergänzte, dass die Widerstandsfähigkeit der Logistik oft vorausgesetzt, aber nicht aktiv sichergestellt werde. Er plädierte für eine geringere Abhängigkeit von US-amerikanischen Schifffahrtsrouten.
Um diese Herausforderungen zu bewältigen, fördern Regierungen – darunter auch Deutschland – mit Anreizen und Finanzhilfen die lokale Produktion von pharmazeutischen Wirkstoffen (Active Pharmaceutical Ingredients, APIs). Unternehmen investieren zudem in die Modernisierung und den Ausbau ihrer Standorte, um Importabhängigkeiten zu verringern. Ziel ist es, die heimische Produktionskapazität wieder aufzubauen und die Anfälligkeit für globale Lieferengpässe zu reduzieren.
Die Konferenz zeigte tiefe Sorgen um die Arzneimittelversorgungssicherheit in Deutschland. Branchenvertreter waren sich einig: Eine stärkere lokale Produktion, klarere Krisenplanung und ein Abschied von rein kostengetriebenen Strategien seien unverzichtbar. Ohne diese Änderungen werden die Schwachstellen in Europas Pharmalieferketten voraussichtlich bestehen bleiben.






