07 May 2026, 14:21

Halberstadts vergessene jüdische Geschichte und das Versagen der DDR-Aufarbeitung

Rechteckige Plakette an einer Steinwand mit der Inschrift "Adolf Abraham".

Halberstadts vergessene jüdische Geschichte und das Versagen der DDR-Aufarbeitung

Philipp Grafs neues Buch untersucht Halberstadts jüdische Geschichte und die mangelhafte antifaschistische Aufarbeitung der DDR

In „Verdrängtes Erbe“ deckt der Historiker auf, wie die einst blühende jüdische Gemeinde der Stadt zwischen 1938 und 1942 systematisch ausgelöscht wurde. Seine Forschung legt zudem offen, wie die DDR mit ihren offiziellen Erzählungen beim Umgang mit Antisemitismus und autoritären Strukturen scheiterte.

Der Niedergang der Halberstädter Juden begann 1938 mit der Zerstörung der Synagoge. Bis 1942 war die gesamte Gemeinde ermordet. Nach Kriegsende wurden jüdische Betriebe von nichtjüdischen Bürgern übernommen – ein weiterer Schritt zur Tilgung ihrer Spuren. Der letzte bekannte Überlebende, Willy Calm, starb 1961 und wurde ohne größere Würdigung beigesetzt.

1949 entstand am ehemaligen KZ Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt eine Gedenkstätte, die zunächst an die Opfer von Zwangsarbeit erinnerte. 1969 wurde sie jedoch im Sinne des „proletarischen Internationalismus und sozialistischen Patriotismus“ umgestaltet. In den 1970er Jahren nutzte die DDR die unterirdischen Stollen sogar als Munitionsdepot für die Nationalen Volksarmee.

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Graf zeigt, dass die DDR trotz weniger jüdischer Künstler und Schriftsteller kaum echtes jüdisches Kulturerbe pflegte. Als 2018 die Rathauspassagen in Halberstadt verkauft wurden, flammten Debatten über die Vergangenheit auf – inklusive des Vorwurfs eines „Verkaufs an Juden“. Pfarrer Martin Gabriel von der Liebfrauenkirche sieht im Synagogenangriff von 1938 einen Wendepunkt für den Niedergang der Stadt.

Das Buch kritisiert veraltete Deutungsmuster, die sowohl rechtem als auch linkem Autoritarismus Vorschub leisteten. Graf plädiert für eine grundlegende Revision des historischen Gedenkens – und für die Frage, was bewusst vergessen wurde.

Seine Erkenntnisse widerlegen den antifaschistischen Gründungsmythos der DDR. Während Halberstadts jüdische Geschichte verschwiegen wurde, dienten offizielle Gedenkstätten oft nur der politischen Instrumentalisierung. Heute wirft die Studie Fragen nach historischer Verantwortung auf – und nach der Notwendigkeit einer ehrlicheren Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

Quelle