Tobias Kratzers radikale Paradies-Premiere begeistert Hamburgs Opernpublikum
Sigmund FreudenbergerTobias Kratzers radikale Paradies-Premiere begeistert Hamburgs Opernpublikum
Eine mutige Neuinszenierung von Das Paradies und die Peri feiert Premiere an der Hamburger Staatsoper
Regisseur Tobias Kratzers Produktion interpretiert Schumanns Oratorium als ein sinnliches, immersives Erlebnis – und verwischt die Grenzen zwischen Darstellern und Publikum. Das Publikum reagierte mit begeistertem Applaus und würdigte sowohl die künstlerischen Wagnisse als auch die emotionale Tiefe der Aufführung.
Das Oratorium erzählt von Peri, einem engelhaften Wesen auf der Suche nach einem Geschenk, das des Paradieses würdig ist. Kratzers Deutung verzichtet auf traditionelle Bühnenbilder und verlagert die Handlung stattdessen mitten unter die Zuschauer. An einer Stelle klettert die Sopranistin Vera-Lotte Boecker, die die Peri spielt, über die Sitzreihen, um sich neben einen weinenden Mann zu setzen – eine Geste der Empathie, die über die Bühne hinausreicht. Dieser Moment unterstreicht das zentrale Thema der Inszenierung: Menschliche Verbindung als Schlüssel zur Erlösung.
Die Mordszene wird zu einem kollektiven Akt, bei dem Bühnenblut Peris weißes Kleid durchtränkt, während das Publikum in unmittelbarer Nähe zusieht. Kratzer und Bühnenbildner Rainer Sellmaier verankern die Geschichte in modernen Konflikten und zeigen Krieg aus der Perspektive gewöhnlicher Menschen. Eine besonders markante Ergänzung ist die Darstellung des sterbenden Jünglings – ein schwarzer Mann, der sich gegen Autoritäten auflehnt – als direkte Herausforderung an traditionelle Machtstrukturen.
Der letzte Akt rückt die Klimakrise in den Fokus. Kinder spielen unter einer Plastikkuppel, atmen verschmutzte Luft, während im Hintergrund Industrieschornsteine aufragen. Die Bilder zwingen das Publikum, sich mit drängenden realen Problemen auseinanderzusetzen, und unterstreichen die Aktualität des Oratoriums. Kratzers Regie bricht immer wieder die vierte Wand und lädt die Zuschauer ein, ihre eigene Rolle in den vor ihnen ablaufenden Erzählungen zu hinterfragen.
Basierend auf Thomas Moores Lalla Rookh markiert die Produktion den Beginn von Kratzers Amtszeit an der Hamburger Staatsoper. Zwar plant er langfristig eine stärkere Einbindung der Gemeinschaft – etwa durch Bildungsprogramme und offene Proben –, doch konkrete Details zu diesen Initiativen sind bisher noch nicht bekannt gegeben worden.
Der Erfolg der Premiere zeigt Kratzers Fähigkeit, klassische Werke mit zeitgenössischer Dringlichkeit zu verbinden. Indem er Publikumseinbindung, gesellschaftskritische Kommentare und eindrucksvolle Bilder in Das Paradies und die Peri verflicht, stellt die Inszenierung herkömmliche Opernkonventionen infrage. Die Hamburger Staatsoper blickt nun gespannt darauf, wie dieser Ansatz künftige Produktionen unter seiner Leitung prägen wird.






