Vinge und Müller revolutionieren Ibsens Peer Gynt mit radikaler achtstündiger Inszenierung
Ronald KramerVinge und Müller revolutionieren Ibsens Peer Gynt mit radikaler achtstündiger Inszenierung
Das Theaterduo Vegard Vinge und Ida Müller eröffnet die neue Spielzeit mit Peer Gynt, Henrik Ibsens klassischem Drama. Ihr mutiger Ansatz sorgt bereits im Vorfeld für Aufsehen – sowohl wegen seiner kreativen Kraft als auch wegen der kompromisslosen Anforderungen an das Publikum. Nach Kürzungen der Kulturförderung verließen die beiden kürzlich die Berliner Volksbühne, doch ihre Arbeit geht in einem provisorischen Spielort in Reinickendorf weiter, wo keine zwei Aufführungen denselben Regeln folgen.
Vinges und Müllers Peer Gynt ist keine gewöhnliche Inszenierung. Das achtstündige Mammutprojekt sprengt alle Grenzen und endet erst, wenn arbeitsrechtliche Sicherheitsvorschriften es erzwingen. Bei einer Vorstellung blieb das Publikum komplett vor der Tür, ein anderes Mal zog sich die Aufführung bis zwei Uhr morgens hin – mit nur dem ersten Akt und einem Bruchstück des zweiten.
Auch die Schauspieler:innen sind extremen Bedingungen ausgesetzt. Hinter Masken verborgen, bleiben sie anonym, während sie anstrengende Aufgaben bewältigen – etwa Hundertschaft Kartoffeln ausgraben oder mit einer Sexpuppe auf dem Rücken durch die Zuschauerreihen hetzen. Vinge selbst schlüpft in die Rolle des Künstler-Pfaus und watet durch ein chaotisches Gemälde-Durcheinander. Müllers aufwendige Bühnenbilder, für die sie mit dem Hein-Heckroth-Preis ausgezeichnet wurde, verwandeln den Raum in eine desorientierende, sich ständig wandelnde Welt.
Ihr Abschied von der Volksbühne folgte nach Jahren der Spekulationen. Nach dem Tod Frank Castorfs galt das Duo als mögliche Nachfolge für das ikonische Theater. Doch Haushaltskürzungen trieben sie hinaus. Nun, in ihrem improvisierten Reinickendorfer Raum, stellen sie weiterhin Konventionen infrage – und sorgen dafür, dass jede Peer Gynt-Aufführung Erwartungen sprengt.
Die neue Spielzeit beginnt mit einer Produktion, die Ausdauer fordert – von Ensemble und Publikum gleichermaßen. Peer Gynt läuft so lange, wie es die Vorschriften zulassen, ohne feste Struktur und mit jeder Vorstellung anders. Nach dem Abschied von der Volksbühne haben sich Vinge und Müller einen Ort geschaffen, an dem ihre radikale Vision ungebremst von Traditionen gedeihen kann.






