Ohne OTZ greifen Greizer Leser zu rechtsextremen Anzeigenblättern – wie eine Zeitungskrise Vertrauen zerstört
Sigmund FreudenbergerOhne OTZ greifen Greizer Leser zu rechtsextremen Anzeigenblättern – wie eine Zeitungskrise Vertrauen zerstört
Fast ein halbes Jahrhundert lang verließ sich Oma Paluschke auf ihre tägliche Ostthüringer Zeitung (OTZ). Doch im Frühling 2023 stellte die Zeitung in elf Gemeinden rund um Greiz – darunter auch ihrer – den Druck ein. Der plötzliche Wechsel ins Digitale überforderte viele langjährige Leser.
Einige griffen zu kostenlosen Anzeigenblättern mit rechtsextremen Tendenzen, andere hörten schlicht auf, Nachrichten zu lesen. Der Eigentümer der OTZ, die Funke-Gruppe, gab zu, dass die digitale Umstellung überstürzt erfolgte. Nur acht Wochen Vorbereitungszeit blieben, bevor die Printausgaben eingestellt wurden. Rund 300 treue Abonnenten, darunter Oma Paluschke, erhielten Tablets und eine grundlegende Einweisung, um die E-Paper-Version nutzen zu können. Doch fast die Hälfte ihrer Bekannten kündigte das Abo – unfähig oder unwillig, den Wechsel mitzumachen.
Ohne die OTZ waren viele in Greiz nun auf Gemeindeblätter angewiesen, die keine unabhängige Berichterstattung boten. Andere lasen kostenlose Anzeigenblätter wie den Heimatboten Vogtland, der Verbindungen zur AfD aufweist. Dort wurden rechtsextreme Positionen ohne klare Kennzeichnung verbreitet und so die Lücke geschlossen, die der traditionelle Journalismus hinterlassen hatte.
Unterdessen startete das Netzwerk Recherche das Projekt Lückenfüller, um die veränderten Mediengewohnheiten zu untersuchen. Besonders ältere Leser vermissten demnach die Vertrautheit der gedruckten Zeitung. Oma Paluschke gewöhnte sich an das E-Paper der OTZ – und probierte sogar Online-Dating aus. Doch für viele bedeutete das Verschwinden der gedruckten Zeitung den Verlust einer vertrauten Nachrichtenquelle.
Das Ende der Printausgabe der OTZ veränderte, wie die Menschen in Greiz an Informationen kamen. Einige stiegen auf digitale Angebote um, andere wandten sich parteiischen Anzeigenblättern zu oder hörten ganz auf zu lesen. Der Wandel zeigte, wie schwierig es ist, eine langjährige Lokalzeitung zu ersetzen – ohne einen klaren Plan für diejenigen, die dabei zurückbleiben.






